Bühnenbild
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Carpe diem

"Jeder neue Morgen ist ein neuer Anfang unsers Lebens. Jeder Tag ist ein abgeschlossenes Ganzes."

Dietrich Bonhoeffer

Weihnacht in historischen Bibeln

Eine Ausstellung mit Bibeln aus der Sammlung Rumpf Johanneskirche Gießen, 4.12.2016 (2. Advent) 11:00 – 12.30 Uhr | 15.30 – 18:45 Uhr Eintritt frei | Spende willkommen.

Bericht der Gießener Allgemeinen vom 3.12.2016

"Es begab sich aber zu der Zeit..."

so beginnt die allseits bekannte Weihnachtsgeschichte wie sie von dem Evangelisten Lukas uns erzählt wird.

Obwohl sie bekannt ist, wollen die Leute auch die "Einjährigen" an Heiligabend sie hören, sonst ist für fast alle es kein Weihnachten. Wie kommt es dazu, dass diese weltberühmte Geschichte so viel Leute berührt? Vermutlich ist es der große Bogen von der armseligen Geburt Jesu, die man nicht unterbieten kann hin zum Retter der Welt. Vergleichbares ist mir nicht bekannt.

Die Bibelausstellung möchte Sie, lieber Besucher, diese wundervolle Geschichte in den verschiedensten Ausgaben über mehrere Jahrhunderte vorstellen. Einige wunderschöne Zeichnungen vervollständigen die Geschichte.

Herr Rumpf hat eine sehr bemerkenswerte Ausstellung zu diesem Thema zusammengestellt. Wir laden Sie ganz herzlich zum Besuch der Ausstellung in der Johanneskirche in Gießen ein. Sie findet am 2. Advent (4.12.2016) statt. Die Ausstellung beginnt nach dem Gottesdienst und macht eine Pause von 12.30 bis 15.30. Sie endet vor dem Beginn des Abendgottesdienstes um 19 Uhr.

Herr Rumpf und der Verein zur Erhaltung der Johanneskirche Gießen e.V. freuen sich sehr, wenn wir Sie zur Ausstellung in der Johanneskirche in Gießen begrüßen dürfen.

Wilfried Michel, Vorsitzender des Fördervereins

Wo ist die Krippe in den Bibeln?

Unzählige Male ist das Geschehen im Stall von Bethlehem von Künstlern gezeichnet, gemalt, modelliert oder in Stein gehauen worden.

Schaut man jedoch in Bibeln des 16. oder 17. Jahrhunderts im Lukasevangelium nach, so wird man die Weihnachtsgeschichte ohne Illustration finden, obwohl die Bibeln sonst durchaus reich bebildert sind. Gibt es kein Bild vom Stall in Bethlehem?

Doch! Wer suchet, der findet. Auf das Bild vom Stall in Bethlehem stößt man im Alten Testament! Um eine Erklärung für diese überraschende Tatsache zu finden, muss man sich zunächst über die inhaltliche Funktion der Bibelillustrationen seit der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg Klarheit verschaffen.

Die Bilder haben in der Frühzeit der gedruckten Bibeln die Absicht, zum einen denen, die nicht lesen können, die Inhalte in Erinnerung zu rufen und zum anderen den Text zu interpretieren. Für diese Aufgabe, muss der Bilderkanon einem überlegten Programm folgen. Danach wurden die Bücher am Anfang der Bibel (1. Buch Mose) und am Ende (Offenbarung) wegen ihres Reichtums an Geschichten und ihrer bildhaften Sprache reich illustriert.

Dagegen haben die wenigen Bilder zu den Propheten gleichsam eine Klammerfunktion, nämlich den Sinnzusammenhang zwischen dem Alten und dem Neuen Testament herzustellen. Deshalb erhalten die Propheten im AT bildlich genau die Szene, auf die sie im NT hinweisen.

So findet sich also das Weihnachtsbild nicht im Lukasevangelium sondern im Alten Testament beim Propheten Micha, der die Geburt Jesu ankündigt. ("Und du, Bethlehem Efrata, ... aus dir soll mir kommen, der in Israel Herr sei."). Dies gilt übrigens für die Weissagungen anderer Propheten genauso (Joel - Pfingsten; Sacharja - Einzug in Jerusalem).

In der Frankfurter Bilderbibel von 1564 und in der vom Sternverlag Lüneburg 1664 gedruckten Kurfürstenbibel wird die Geburtsszene dem Propheten zugeordnet; hier allerdings sehr klein in den Bildhintergrund gerückt. Mit der Zeit führte man aber Text und Bild zusammen; so wird in einer Basler Bibel des Jahres 1699 der Stall von Bethlehem sowohl beim Propheten als auch in Wiederholung im Lukasevangelium gezeigt. Ab dem 18. Jahrhundert rückt dann das Weihnachtsbild ausschließlich an seine "richtige" Stelle, ins 2. Kapitel des Lukas-Evangeliums.

Wie kommen Ochs und Esel an die Krippe?

Zu allen Zeiten versuchten Künstler, den Bericht über die Geburt Jesu nach den Evangelisten Lukas oder Matthäus textgetreu in ihre jeweils unterschiedliche Bildsprache zu übersetzen.

Dabei fällt auf, dass die Darstellungen hinsichtlich zweier Figuren dem Bericht der Evangelisten nicht folgen. Es sind Ochs und Esel, die weder bei Lukas noch bei Matthäus vorkommen. Die beiden Tiere sind keine Zutat, die als Zeichen ländlicher Idylle in die Bibeln gekommen ist; nein, sie gehören bereits seit frühchristlicher Zeit - noch vor Maria und Josef (!) - zur Krippe.

Schon im 3. Jahrhundert zeigen Reliefs an christlichen Sarkophagen Ochs und Esel. Die biblische Begründung für ihre Anwesenheit findet sich im 1. Kapitel des Jesajabuches: ("Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt´s nicht, und mein Volk versteht´s nicht"). Auf diese Quelle beziehen sich Künstler, wenn sie den kanonischen Figuren der Weihnachtsgeschichte die Tiere hinzugesellen.

In der mittelalterlichen Ikonographie wird den Tieren eine übergeordnete Bedeutung zugeschrieben: Der Ochse, das reine Tier, wird als Stellvertreter des Judentums, der Esel, der Unreine, stellvertretend für das Heidentum interpretiert. Ochs und Esel und damit die alten Religionen sind Zeugen der Geburt des Gottessohnes.

Die Darstellungen ab dem 12. Jahrhundert weisen den Tieren bestimmte Funktionen im Stall zu; sie wärmen das Neugeborene mit ihrem Atem, der oft kreuzend dargestellt ist - ein Hinweis auf die Kreuzigung. Sie heben die heruntergerutschte Decke mit ihren Mäulern auf oder übernehmen die Aufsicht über die Krippe ("Ammenfunktion"), während Maria und Joseph eingenickt sind.

Im Laufe der Zeit ging das Bewusstsein für die symbolische Bedeutung der beiden Tiere verloren. In der Doré-Bibel aus dem 19. Jahrhundert ist nur der Ochse zu sehen, in modernen Darstellungen fehlen Ochs und Esel häufig ganz. Die Illustrationen in alten Bibeln wollen uns oft mehr sagen, als auf den ersten Blick erkennbar ist. Doch gilt auch hier das Goethe-Wort: "Man erblickt nur, was man weiß und versteht".