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Carpe diem

"Jeder neue Morgen ist ein neuer Anfang unsers Lebens. Jeder Tag ist ein abgeschlossenes Ganzes."

Dietrich Bonhoeffer

Passionszeit – Entdecke das Gold unter dem Staub

Gedanken von Pfarrer Michael Paul

Jetzt gehen wir langsam auf den Frühling zu und die Kirche begeht die Passion, Leidenszeit. Sieben Wochen im Jahr wird der Leiden Jesu Christi gedacht.   

Die Bibeltexte, die in diesen Wochen in den Kirchen gelesen wer- den und über die gepredigt wird, haben zumeist die Leiden und das Kreuz Jesu zum Thema. In den Gottesdiensten wird das Halleluja, das „Lobet Gott“ nicht gesungen. Und in manchen von uns steigt die Frage auf, ob das Leiden Christi in den Kirchen nicht auch manchmal überbetont, geradezu glorifiziert wird?

Diese Frage hat sich in den letzten Jahren zugespitzt an dem Thema: „Tanzen an Karfreitag.“ Der Sinn des Tanzverbotes am Todestag Jesu verschließt sich nicht nur jungen Leuten. „Warum Passionszeit?“ so fragen viele.

Vielleicht ist es ja so wie bei dem Kreuz, das im Jahre 1834 in Paris versteigert wurde. Es war ein altes, ganz mit Staub und Schmutz bedecktes Kruzifix das den Anwesenden nichts wert zu sein schien, sodass sie nur wenige Franken dafür boten. Einem Maler tat es weh, wie die Leute sich lustig machten über dieses Kruzifix. Und so ersteigerte er es mit dem letzten Geld, das er hatte, für ganze 10 Franken. Es wurde ihm überreicht und er ging schnell davon. Am anderen Morgen reinigte er es mit einer Bürste und las an seinem Fuße den Namen „Benvenuto Cellini“.

Das war, wie er wusste, ein berühmter Künstler zu Florenz gewesen. Und fast noch mehr staunte er, als sich bei weiterer Reinigung ergab, dass das Kruzifix zum Teil aus Gold gefertigt war. Er ging sofort damit zu einem kunstverständigen Goldschmied, der ihm den Wert des einmaligen Kunstwerkes auf 60000,- Franken schätzte. Das kostbare Kruzifix war einst bei der französischen Revolution im Schloss zu Versailles vom Pöbel geraubt und dann verschleudert worden. Vielleicht muss ja das Leiden Jesu von Traditionen, Theologien, unseren Gedanken und Vorstellungen gereinigt werden, damit wir das Gold und den Wert daran entdecken. Es ist doch eigenartig, dass gerade Fremde unter uns, Flüchtlinge, die aus einem ganz anderen Kulturkreis kommen, denen der christliche Glaube nicht vertraut ist, in diesem Leiden Jesu einen ungeheuren Wert entdecken. Ein Gott, der sich in einem Gekreuzigten offenbart: Das kannten sie nicht.

Und gerade das zieht sie an. In diesem Leidenden zeigt sich ein Gott, der nicht mit Forderungen an uns herantritt, sondern der unsere Last trägt, der liebt. Frère Roger, der Gründer der Kommunität von Taizé, staunt über das Gold des Leidens Jesu, wenn er sagt: „Gott sieht der Qual der Menschen niemals unbewegt zu. Er leidet mit den Unschuldigen, den Opfern unbegreiflicher Not, er leidet mit jedem. Es gibt einen Schmerz Gottes, ein Leiden Christi.

Ist Christus nicht auf die Erde gekommen, damit sich jeder Mensch geliebt weiß? Das Herz kann vor solcher Liebe nur in Staunen geraten.“

Passionszeit ist die Zeit, in der wir wie- der das Staunen lernen sollen, das Staunen über das Gold unter dem Staub der Traditionen, das Staunen über die Liebe Gottes, die viel lieber Lasten trägt als auch nur einen von uns abzuschreiben

Ihr Gemeindepfarrer

Michael Paul